Was ist Vergebung in Ein Kurs in Wundern und wie vergebe ich?

Vergebung ist das zentrale Thema des Kurses und der Begriff erscheint fast 700-mal im blauen Buch. Doch wie so oft gibt der Kurs vielen Begriffen aus der christlichen Religion eine völlig andere Bedeutung und fordert uns damit zum Umdenken auf. Schließlich ist Ein Kurs in Wundern eine Geistesschulung. Und bei kaum einem Begriff wird die radikal nonduale Geisteshaltung des Kurses so deutlich wie bei der Vergebung. In diesem Blogbeitrag versuche ich diese nonduale Geisteshaltung zu beschreiben. Außerdem möchte ich aufzeigen, wie ein Vergebungsprozess praktisch umgesetzt werden kann.

Warum sollten wir unsere Geisteshaltung ändern?

Die Standardeinstellung unseres Geistes, ähnlich wie die Werkseinstellung bei einem technischen Gerät, ist auf ständiges Urteilen eingestellt. Wir be- und verurteilen Personen, Situationen und Lebensumstände andauernd. Mal machen wir uns diesen Prozess bewusst, häufig laufen diese gedanklichen Prozesse aber völlig unbewusst – wie auf Autopilot. Ein Kurs in Wundern bietet uns als Lösung gegen das ständige Verurteilen ein Trainingsprogramm in der Form einer Geistesschulung. Mit Hilfe dieser Schulung können wir lernen, automatisches Urteilen durch automatisches Vergeben zu ersetzen und damit unsere Geisteshaltung zu ändern. In anderen Worten: wir ver-lernen das Ver-urteilen.

Vergebung, um zu zerstören – der Plan des Egos

Zunächst ist es hilfreich zu betrachten, welche Sicht und Funktion das Ego der Vergebung zugeteilt hat. Denn das Ego bietet dem ungeschulten Geist auf alle Fragen in der Welt eine scheinbar hilfreiche Antwort. Wenn es um das Thema Vergebung geht, dann lautet die Funktion des Egos: „Nun gut, wenn Dir die Vergebung so wichtig ist, dann vergib dieser Person, auch wenn sie Dich schlecht behandelt hat und Du eigentlich etwas Besseres verdienst.“ Wenn wir also mit dieser Haltung des Egos vergeben, dann erhalten wir das Konzept der Schuld aufrecht. Denn wir vergeben nur, weil wir glauben besser oder spiritueller zu sein als die Menschen, denen wir vergeben. Wir sind schließlich schon weiter als andere und übertragen das auf unser Gegenüber, indem wir sagen: „Das, was Du mir angetan hast, war ziemlich schlimm, aber weil ich etwas Besonderes bin und über den Dingen und auch über Dir stehe, vergebe ich Dir. Vergessen werde ich es aber nicht.“ Ein Kurs in Wundern nennt diese Form und Funktion des Egos „Vergeben um zu zerstören“ (L-2.II).

Vergebung, um zu zerstören – die Schuld bleibt

Mit dieser Sicht des Egos auf die Vergebung glauben wir weiterhin daran, dass jemand außerhalb von uns uns verletzt hat. Es ist also weiterhin etwas in der Welt passiert und wir sind Opfer dieser schlechten Behandlung geworden. In jedem Fall gibt es einen Schuldigen, denn wir haben den Schmerz deutlich gespürt, als wir schlecht behandelt wurden. Die Schuld wird also als wirklich wahrgenommen und bleibt erhalten. Angriffe wie dieser können weiterhin jederzeit aus der Welt da draußen von anderen kommen und uns verletzen. Die Trennung von uns und der Welt bleibt damit erhalten – und ganz wichtig: das Prinzip der Schuld bleibt erhalten. Unser Glauben an die Schuld ist quasi die Lebensversicherung des Egos. Denn der fortbestehende Glaube an die Schuld hält die Identifikation mit unserem individuellen Ich aufrecht und die Welt der Dualität dreht sich weiter wie ein Hamsterrad ohne Ausstieg.

Die Vergebung im Kurs – radikal anders

Ein Kurs in Wundern bietet uns eine andere Sicht und auch eine andere Funktion für die Vergebung. Die zentrale Haltung des Kurses besagt, dass wir niemand anderem vergeben brauchen. Denn was wir als äußere Welt wahrnehmen ist nicht mehr als eine Traumwelt. In diesem Traum sind wir der Träumer und verurteilen und vergeben immer nur uns selbst. Wenn der Kurs von Vergebung spricht, dann meint er damit, immer nur uns selbst zu vergeben – und zwar in unserem Geiste. Ideen verlassen ihre Quelle nicht (T26.VII.4.7). Der Kurs bittet uns also, das zu vergeben, was eigentlich gar nicht passiert ist. Oder in anderen Worten: anderen vergeben, was sie nicht getan haben. Diese Haltung ist gerade am Anfang für Kursschüler*innen nur schwer zu verstehen. Denn die Grundlage für das Verstehen ist ein nonduales Verständnis unserer Welt. Alles, was wir im Äußeren sehen, sind nur unsere Projektionen und damit Traumfiguren. Die Schuld, die wir in anderen sehen, ist also nur in unserem Geist und wir haben sie nach außen projiziert – wie auf eine Leinwand. Der Leinwand brauchen wir aber nicht vergeben, die zeigt ja schließlich nur, welcher Film im Projektor läuft. Daher müssen wir an den Projektor ran. Der Projektor ist unser Geist.

Die Vergebung im Kurs – was ich dafür wissen muss

Aus den Beschreibungen oben wird deutlich, dass Vergebung im Kurs eine völlig neue Bedeutung bekommt. Anstelle von Vergebung könnten wir auch sagen, dass wir „loslassen“ von unserem Glauben an die Schuld. Durch Vergebung lösen wir uns von der alten Geisteshaltung und nehmen die Dinge anders wahr in unserem Geist. Und da alles in unserem Geist ist, ist es auch vollkommen egal, ob andere Personen mitbekommen, dass wir ihnen vergeben und sie diese Vergebung annehmen. Es ist auch egal, ob diese Person überhaupt noch lebt oder wir Dinge vergeben, die vor 30 Jahren geschehen sind. Zeit spielt hierfür keine Rolle. Entscheidend ist, dass wir unsere Geisteshaltung ändern, unser Verhalten brauchen wir dafür in keiner Weise ändern. Im Kurs steht dazu:

Die Vergebung nimmt wahr, dass das, wovon du dachtest, dein Bruder habe es dir angetan, nicht geschehen ist. Sie verzeiht keine Sünden und macht sie nicht wirklich. Sie sieht, dass es keine Sünde gab. Und in dieser Sicht sind alle deine Sünden dir vergeben. (W.pII)

Die Vergebung im Kurs – wie wir in der Praxis vergeben können

Soweit die Theorie. Doch was heißt das für unsere Praxis und wie vergebe ich nun auf „Kurs-Art“? Zunächst ist entscheidend, dass wir die Vergebung selbst wählen als eine bewusste Entscheidung. Jesus kann nicht einfach unseren Geist überstimmen, daher müssen wir selbst diese Wahl treffen. Das ist die „kleine Bereitwilligkeit“ (T18.IV.4.1). Etwas vereinfacht lässt sich die praktische Vergebung in drei Schritten beschreiben. Ich habe diese Schritte angelehnt an einen Workshop von Gary Renard:

1. Schritt: Erkennen, dass wir mit dem Ego urteilen und innehalten

Dieser Schritt bedeutet, dass wir mit unseren Gedanken achtsam umgehen und sobald wir bemerken, dass wir eine Person oder Situation verurteilen, innehalten und bemerken: „Oha – ich verurteile ja gerade diese Person und damit bestätige ich den Glauben an die Schuld und die Trennung von Gott.“ Anzeichen fürs Urteilen sind zum Beispiel Groll, Wut oder Frustration. Ob es sich um eine große oder kleine Sache handelt, spielt aus Sicht des Kurses keine Rolle – schließlich gibt es in der Illusion keine Hierarchie (T23.II.2.3). Entscheidend ist, dass wir es bemerken und aufhören mit dem Ego zu urteilen.

2. Schritt: Die Situation mit Hilfe des Heiligen Geistes betrachten

Mit dem zweiten Schritt wählen wir eine andere Sicht auf die Situation – die Sicht des Heiligen Geistes. Denn die Geisteshaltung des Heiligen Geistes und des Egos schließen sich gegenseitig aus, so dass wir die Dinge mit Betrachtung des Heiligen Geistes nun ganz anders sehen können. Symbolisch gesprochen sagt uns der Heilige Geist: „Schau mal, Du hast das Problem hier gerade wirklich gemacht und Du glaubst, dass Du hier wirklich unfair behandelt wurdest von der anderen Person. Aber eigentlich ist nichts passiert. Du tust Dir das selbst an, aber Du kannst die Situation anders betrachten. Also wähle noch einmal“ (T31.VIII). Unsere Entscheidung, die Situation mit dem Heiligen Geist anders zu betrachten, ist der Heilige Augenblick. Damit können wir uns erinnern, dass wir eine Wahl haben und die Ursache des Problems angehen: eine falsche Entscheidung, die wir nun berichtigen können. Damit versuchen wir somit nicht länger das Symptom zu verändern – in dem Fall das Verhalten einer anderen Person – sondern wie wir es beurteilen.

3. Schritt: Die Sichtweise ändern, wie wir über die andere Person denken

Nachdem wir im zweiten Schritt dem Heiligen Geist die Führung auf die Sichtweise übergeben haben, geht es nun noch einen Schritt weiter. Nun geht es darum, dass wir unser Gegenüber nicht länger als begrenzten Körper betrachten, sondern die Illusion seines Körpers „über-sehen“. Wir beginnen dann, die Person als vollkommen zu sehen, denn überall wohin der Heilige Geist blickt, sieht er sich selbst“ (T6.II.12.5). Mit dieser Sichtweise sehen wir nicht nur die andere Person als vollkommen und vollständig an, sondern sie sendet eine Botschaft an unser wahres Selbst. Denn in einer nondualen Wirklichkeit werden wir uns selbst so sehen, wie wir den anderen sehen (T8.III.4.2). Wenn wir jemanden anderen als vollkommen und vollständig sehen, legen wir damit auch fest, wie wir uns selbst sehen und wer wir damit wirklich sind.

Vergebung braucht Übung, aber es lohnt sich

Wie anfangs gesagt, ist der Kurs eine Geistesschulung und es bedarf Übung und Beharrlichkeit bei unserer Vergebungspraxis. Ähnlich wie beim Lernen eines Instruments, geht es nicht von heute auf morgen. So wird es Situationen und Personen geben, bei denen es uns schwer fällt zu vergeben. Das ist in Ordnung und wir brauchen uns dafür nicht schuldig fühlen. Früher oder später werden wir uns daran erinnern, dass der Lohn der Vergebung uns selbst zugutekommt. Und irgendwann wird Vergeben zu unserer natürlichen Geisteshaltung und aus den drei Schritten wird ein konstanter Geisteszustand, der keine Schuld mehr wahrnimmt.

Zusammenfassung

Ein Kurs in Wundern arbeitet mit uns mit Hilfe von Symbolen, die uns vertraut sind. So ist es auch mit der Vergebung, nur dass der Kurs dem Begriff eine völlig neue Bedeutung und Funktion gibt. Die Vergebung ist das zentrale Symbol für das Auflösen der Schuld. Dabei geht der Kurs über das Aufheben von Schuld hinaus und führt uns zu einer anderen Geisteshaltung. In dieser erkennen wir, dass nichts passiert ist und in dem Traum der Welt niemandem etwas angetan wurde. Mit dieser Perspektive sind allen alle Sünden vergeben – und damit auch uns selbst. Natürlich ist auch die Vergebung eine Illusion, jedoch ist es eine, die uns hilft aus dem Traum zu erwachen und nicht tiefer in den Schlaf der Welt führt. Die Vergebung könnte eine Art glückliche Fiktion genannt werden (Begriffsbestimmung 3. Vergebung – Das Antlitz Christi).

In diesem Sinne: viel Spaß beim Vergeben 🙂

David

16 Antworten auf „Was ist Vergebung in Ein Kurs in Wundern und wie vergebe ich?“

  1. David, ich danke dir von Herzen für diesen Beitrag. Gestern Nachmittag schaute ich in die Ferne und wünschte mir, genau so einen Beitrag zu finden, der mir die Vergebung praktisch näher bringt. Schon ist er da. Wunderbar!
    Sigrid❤️

  2. super gut erklärt,
    ich vergebe mir also immer nur selbst, dass ich in meiner falschen Identifikation mit dem Ego, nicht ausschließlich auf die GÖTTLICHKEIT meines Bruders
    geschaut habe, sondern auch dessen Ego wahr gemacht habe und darauf reagiert habe.

    1. Liebe Elisabeth,
      genau so ist es. Jetzt musst Du diese Gedanken nur noch auf alles und jeden anwenden – schon bist Du am Ziel 😉
      Herzliche Grüße
      David

  3. Herzlichen Dank für den Blogbeitrag! Ich wollte euch dieser Tage schreiben, ob ihr nicht mal einen Podcast zum Thema „Vergeben im Alltag/in der Praxis“ machen wollt… Voila schon ist die Antwort da 😉 Danke und lieben Gruß Sonia☀️

      1. Lieber David,
        aus aktuellem Anlass habe ich nun doch eine genauere Frage dazu. Gestern war ich 7Stunden durchgehend in Situationen, wo es laufend Attacken gehagelt hat. Richtig viele Chancen zu vergeben.
        Habt ihr das als Vergebungs – Profis 😉 schon so automatisiert, dass ihr das Vergeben in der jeweiligen Situation unmittelbar anwendet oder kann ich das in Ruhe am Abend nachholen? Und mache ich das für jede Situation / bzw. Person einzeln (wenn es zb eine Gruppensituation gab)?
        Reicht manchmal zb auch ein kurzes Vergebungsritual oder wendet man für jede Person immer den gesamten Prozess an? Danke für euer geschätztes Feedback… Sonia

        1. Liebe Sonia,
          schön, dass Du schon so fleißig an der Praxis arbeitest 😉
          Du kannst auch Situationen und Personen „im Nachgang“ vergeben. Das einzige was sich dadurch verlängert ist die Zeit, in der durch das Festhalten am Urteil nicht im Frieden bist. Irgendwann kommt für uns der Punkt, dass wir sagen: ich möchte nicht länger im Gross ein. Spätestens dann ist ein guter Zeitpunkt gekommen zu vergeben. Mir gehts da nicht anders und ich schaffe es auch nicht immer, sofort zu vergeben (siehe meine Kommentare in Folge 3 – Vergebung auf der Arbeit…). Ob Du einer speziellen Person oder einer allgemeinen Situation vergibst ist egal. Im Prinzip solltest Du den Gedanken/Sichtweise vergeben, welche Dir Deinen Freiden nimmt – es weiter zu analysieren ist nicht nötig. Die 3 Schritte der Vergebung dienen als Orientierung, Deine Geisteshaltung zu ändern. Anfangs werden sie Dir wie ein Prozess vorkommen: also erst Schritt eins, dann Schritt 2, etc. Je mehr Du übst, desto mehr wird es zu einem automatischen Prozess. Dann fühlt es sich an, wie einen Lichtschalter anzuschalten: Klick – ich vergebe 🙂
          Alles Liebe und nie vergessen zu Lächlen,
          David vom Team Radikal Nondual

  4. Das ist eine sehr klare und gute Zusammenfassung! Hört sich ja „eigentlich“ recht einfach an .
    Ich versuche, es zu verinnerlichen und anzuwenden. Vielen Dank!!

    1. Liebe Evelyn,
      schön wie die Zusammenfassung hilfreich ist. Die Vergebung ist „einfach“ aber eben nicht immer leicht im Alltag umzusetzen. Wünsche Dir dabei alles Gute und nicht ärgern, wenns mal nicht klappt 😉
      Herzliche Grüße
      David

  5. Danke dir für die gelungene Zusammenfassung. Eigentlich ist es so einfach aber das Ego ist eine harte Nuss 😉 Und trotzdem fühlt es sich, je länger man dranbleibt, immer besser an und es wird leichter. Nochmal danke für euren unermüdlichen Einsatz und herzliche Grüße aus Hamburg
    Frank

    1. Moin lieber Frank,
      herzlichen Dank für Dein Feedback zu unserer Zusammenfassung! Ja, das Ego ist eine harte Nuss! Aber mit sanfter Beständigkeit (und ewas Hartnäckigkeit natürlich) werden wir das Ego früher oder später alle knacken! Liebe Grüße nach Hamburg,
      David vom Team Radikal Nondual

  6. Lieber David, vielen Dank für die wirklich gute Erklärung der Vergebung. Bin stolz auf mich-habe intuitiv richtig vergeben indem ich den hl Geist gebeten habe meine Wahrnehmung zu ändern. Jedoch, nach einigen Wochen Vergebung hatte ich das Gefühl—-ich werde nicht mehr fertig zu vergeben… ich werde förmlich erschlagen von Themen . Dazu kam dann die Frage bzw der Selbstvorwurf: was hab ich hier in mir was mir da gerade im Außen gespiegelt wird?
    Aber ich habe nicht aufgegeben und mittlerweile ist es besser
    Danke euch!
    Ihr seid super!!!
    Ich bin ja eine Kurs -Anfängerin …aber eine begeisterte
    Liebe Grüße aus Österreich
    Beatrix

    1. Liebe Beatrix,
      ich kann gut nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn man von all den Themen plötzlich fast erschlagen wird. Gerade wenn man anfängt mit anderem Blick auf die Dinge zu schauen und nicht „eben mal so im außen urteilt“. Denn dann bemerkt das Ego, dass die Schuld nicht wie sonst nach außen projiziert wird sondern in Deinem Geist bleibt – das fühlt sich oft auch richtig belastend an. Toll, dass Du dran bleibst. Und wenns mal nicht gleich klappt – ist das völlig in Ordnung. Gib Dir Zeit und nimms mit Humor 😉
      Ganz liebe Grüße nach Österreich
      David vom Team Radikal Nondual

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