Morgenroutine

Was schreibt man, um einen Blog zu eröffnen? Wie schreibt man interessant und unaufdringlich zugleich? Spontan und ungekünstelt, ohne banal zu sein? Die Antwort eines sehr lieben Menschen kommt mir da in den Sinn: „Keine Ahnung…“. Fast sokratisch.

Nun, hier meine Idee. Es geht um einen Anfang. Der Tag beginnt in der Regel mit dem Morgen. Wie viele andere auch, habe ich meine „Routine“ in den Tag zu starten. Zumindest dann, wenn die Arbeit den Takt vorgibt. Homeoffice oder nicht, Leser von Ein Kurs in Wundern oder nicht – Arbeitstage haben einen anderen Rhythmus als andere. Zumindest jetzt (unabhängig von Pandemien), zumindest für mich.

Wenn der Gang ins Bad und zur Toilette mit allmählich sich öffnenden Augen erledigt ist, geht es nach etwas Vorbereitung in der Küche dort auch an den Tisch. Ich liebe diesen Tisch. An ihm wird gelegentlich auch gearbeitet, aber in der Regel bleibt er den sogenannten ´schönen Dingen´ des Lebens vorbehalten bleibt: Essen, Trinken, Konversation. Ob mit anderen oder mit sich selbst.

Auch wenn die Zeit an Arbeitstagen, um hier den Tag mit einem Frühstück zu beginnen, in der Regel „getakteter“ und kürzer ist als an anderen (muss nicht so sein, ist es aber oft): Die Routine, hier für einige Minuten in Ruhe zu sitzen, ist ein sehr geschätzter Teil „Routine“, auf den ich nur verzichte, wenn dadurch sonst an einem anderen Ende Stress entstünde. Das ist zumindest der Ansatz.

Das Panorama am Sitzplatz gestaltet sich immer mal wieder neu. Es kommen z.B. neue Gegenstände oder Symbole hinzu, die Bedeutung mit sich bringen, andere gehen. Seit einiger Zeit nun gibt es aber ein paar Konstanten. Und um die soll es nun gehen, aus Gründen, die sich vermutlich schnell erschließen.

Bei der Aufnahme zur Folge 2 unseres Podcasts, die wir am 15. Mai veröffentlichen werden, geht es thematisch auch um den Namen, den wir dem Projekt gegeben haben: Radikal Nondual. Wie man da dann auch hören kann oder ohnehin schon weiß, kommt das Wort „radikal“ vom lateinischen Wort radex / radicis, was so viel wie „Wurzel“ bedeutet. Das Bild, das von meinem normalen Sitzplatz aus heute Morgen entstanden ist, zeigt Gegenstände, auf die ich allmorgendlich schaue. Unter anderem eine Karte mit einem chinesischen Sprichwort. Abgedruckt auf Englisch, weil die Karte aus den USA kommt. Zu Deutsch: „Wenn die Wurzel tief ist, gibt es keinen Grund, den Wind zu fürchten.“

Es reichen meistens, wenn ich nicht gerade mal völlig blockiert bin, wenige Sekunden, um mich dabei in einen inneren Dialog zu verwickeln, der von kontrovers bis friedlich, von zweifelnd bis motivierend alles sein kann. Es spielt keine Rolle. Ein Gedanke lässt sich meistens nicht verdrängen: Welche Wurzel habe ich eigentlich, die so tief ist, dass ich keine Angst haben brauche, egal welcher Wind oder Sturm gerade aufkommt oder schon bläst?

Blick auf den 2. Gegenstand. Eine Ikone, die ich mir von einer meiner zahlreichen Reisen nach Griechenland mitgenommen habe, wo ich gerne mit so mancher Wurzel unseres Denkens vergleichsweise direkten Kontakt aufnehme. Sokrates aus dem ersten Absatz, zum Beispiel. Ein anderer großer Denker namens Heraklit sagt paraphrasiert, dass unsere Seele so tief in etwas wurzelt, was der Grieche „Logos“ nennt (etwa Vernunft, also keine „Ver-rücktheit“), dass man ihre Grenzen nie erreichen könnte, selbst wenn man sie alle abzulaufen versuchte. Blicke ich auf das Bild von Jesus, das mit einem Stein mit „Love“ als Aufschrift gehalten wird, und bin nicht ver-rückt, erinnert mich das an etwas Wesentliches. Wer oder was soll denn die Wurzel sonst sein, als das ganz Offensichtliche? Ob ich es wahrhaben will oder nicht.

Im Kapitel 30 des Textbuchs von Ein Kurs in Wundern in Abschnitt 1 mit dem Titel „Entscheidungsregeln“ heißt es, dass es in der Disziplin letztlich um eine Übung mit dem Ziel geht, „eine inneren Haltung herauszuschälen“.  Nicht darum, bei den zahllosen Entscheidungen, die ich über den kommenden Tag hinweg wieder zu treffen haben werde, mich mit jeder einzelnen zu befassen – ob ich sie nun wahrnehme oder nicht (vgl. T-30.I.1). Das würde zwangsweise hektisch und innerlich unruhig machen, einen sein wahnsinnig kluges Hirn zermartern und den Tag so weder „effektiv“ noch friedlich erscheinen lassen. Zusammengefasst also das genaue Gegenteil dessen, was der Kurs uns beibringen will.

Oft genug gelingt es nicht, die sehr simplen Regeln zu befolgen, die von einer ebenso simplen, nur nicht ganz so einfachen Frage ausgehen: Welche Art von Tag möchtest Du eigentlich haben? Immer öfter gelingt es aber doch, sich an die einzige „Wurzel“ oder Quelle zu erinnern, die wirklich innere Sicherheit und Ruhe versprechen plus halten kann. Selbst wenn ein Baum im Wind steht: Wenn er eine kräftige Wurzel hat, darf er sich durchaus mal biegen. Umfallen wird er nicht. Eine Seerose mag auf dem Wasser ordentlich hin und her treiben und einigen „Auslauf“ genießen. Solange die Wurzel nicht gekappt, sondern fest ist, wird sie ihren Halt nicht verlieren.

Die nun folgende Regel lautet: „Heute will ich keine Entscheidung selber treffen“. Wie – entmündigt werden?! Ja, das Gefühl hatte ich anfangs auch. Zum Glück lernt man aber dazu. Dies bedeutet nur, die Entscheidung zusammen mit meiner Wurzel, man könnte auch: „Quelle“ sagen, abzustimmen. Wurzel und Quelle gehören ja zu mir. Denn, der Klassiker sagt: „Ideen verlassen ihre Quelle nicht“. Selbst wenn man im Zustand der Ver-rücktheit mal auf eine andere kleine Wahnsinns-Idee kommen mag. Sie ändert nichts an dem, wie es in Wahrheit sein muss.

Da es wenig produktiv ist, sich bei jedem Detail in einen Riesenfeedbackprozess mit der versammelten symbolischen Dreifaltigkeit zu begeben, um dann auch noch – völlig objektiv, versteht sich – Optionen zu analysieren, ist es sehr hilfreich, sich am Morgen, neben dem Schälen von Gemüse oder Obst, mal eine Minute für das Herausschälen der Grundhaltung im neuen Tag zu gönnen. Welche Art von Tag möchte ich? Mit dem Vorsatz, einen Schritt zurück zu nehmen, wenn man merkt, dass man gern wieder zu sehr selbst ins Steuerrad eingreifen will, weil vielleicht etwas nicht im Detail so läuft, wie man meint, dass man es will. Oder wenn eine scheinbar echt schwere Entscheidung daherkommt. Alles recht sichere Zeichen dafür, dass etwas schiefgelaufen, d.h. meine Grundhaltung verloren gegangen sein muss.

Verwirrung und Ungewissheit erzeugen Angst. Ein Besinnen darauf, dass auch ich für jede Situation einen Kompass parat habe, um innerlich zur Ruhe und damit zu einer für alle Beteiligten guten Lösung zu kommen, schafft Luft. In den Tag zu starten und mit Gelassenheit durch ihn hindurchzukommen, wird so leicht(er). Alles, was es dafür braucht, ist Vertrauen. Bei Gott – oder besser: ohne ihn, keine kleine Herausforderung.

Deshalb zum Schluss ein weiteres „Tool“, wie sowas der Zeitgeist gern nennt, das in der Morgenroutine seinen festen Platz noch vor dem Frühstück eingenommen hat. Aus gutem Grund: Denn welche größere Herausforderung gibt es, als zu etwas 100% Vertrauen zu haben? Man kann es sich im Prinzip nur schenken lassen, wie dieser Ausschnitt aus einem wunderbaren Text sagt:

Wurzeln. Wir haben sie alle, ob wir daran glauben oder nicht. Sie verhindern, dass wir ver-rückt werden, lassen uns sicher an unserem Platz stehen oder in eine mittige Position zurückkommen. Wenn wir den Halt nicht verlieren, sondern es bei einem zeitweisen Flattern im Wind belassen wollen.

Damit rein in den Tag! Egal, welche Uhrzeit es ist. Gern auch in die Nacht. Denn alles, was beginnt, hört logischerweise auch auf. Am gleichen Ort. Aber damit genug für heute mit den philosophischen Griechen, Asiaten und Gringos. Danke fürs Zeitnehmen! Für den Podcast, den Blog und für einen hilfreichen Gedanken.

Bis zum nächsten Mal von dieser Stelle!                

Never forget to laugh!

Andi

Eine Antwort auf „Morgenroutine“

  1. Hallo zusammen

    Ich habe gestern euren ersten Podcast gehört und auch die folgenden werde ich mir anhören, denn ich schätze die Mischung zwischen Kursinhalt, verschiedenen Gesichtspunkten sowie den Bezug zum Alltagsleben. Das unterstütz mich (die momentan in keiner Gruppe ist) auf eine einfache, pragmatische Weise. Vielen Dank also und weiter so 🙂

    Ich würde gerne meinen Beitrag leisten, aber leider habe ich mit Paypal schlechte Erfahrungen gemacht. Ich habe mich zweimal dort angemeldet, aber auch abgemeldet, da ich nach der Anmeldung so viele Phishing-Mails bekam, dass ich total aufpassen musste, was ich anklickte. Kurz: ziemlich mühsam. Wenn ich David im Oktober in Augsburg sehe, kann ich ihm ja das Geld in die Hand drücken 😉

    Liebe Grüsse aus Basel
    Anna

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